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Halloween in
Kennywood
   
   

Welche Erwartungen an ein Halloweenevent hat man in einem Land, in dem sich ganz normale Vorgärten im Oktober zu Friedhöfen verwandeln, in dem das organisierte Erschrecken zwar nicht geboren, aber groß und in die ganze Welt exportiert wurde?
So viel ist sicher, sie sind nicht gerade gering und eine zu große Erwartung ist oftmals der Grund für eine Ent-täuschung

Eine solche (wenn auch nur in kleinem Ausmaße) erlitt ich, als ich die Phantom Fright Nights im über 100 Jahre alten Kennywood besuchte. Der Park wurde 1898 von der Monongahela Street Railway Company unter der Leitung von Andrew Mellon, einem sehr populärem Industriellen und Politiker der Region, dessen Namen heute noch Schulen und Gebäude tragen, gegründet. Da zahlreiche alte Gebäude und Attraktionen noch heute stehen, ist es sicherlich einer der schönsten und interessantesten Parks, dessen Atmosphäre einen mit Betreten des Parks sofort umschlingt.


Während der Phantom Fright Nights, deren Namen sich
an die Hauptattraktion des Parks, der Achterbahn "The Phantom's Revenge" anlehnt, umschlingt mich zunächst jedoch eine in grünes Licht getauchte Nebelwolke, die jedem in der kleinen Unterführung zwischen Security-check und eigentlichem Zugang zum Park völlig die Sicht nimmt. Umso größer dann der Schreck, als neben mir plötzlich eine Motorsäge aufheult und ich einem stämmigen Mann mit weißer Maske in die Augen blicke.
Von anderen Parkgästen und deren Schreien begleitet nehme ich Reißaus und gleichzeitig den ersten Leckerbissen, den 1921 von Miller and Baker konzipierten Wooden Coaster "Jack Rabbit" ins Visier.
    
Diese Achterbahn ist angeblich nachts in Hand des Phantoms, das in Kennywood sein Unwesen treibt.
Ein Skelett, dass Runde um Runde von einem der drei Zügen, die alle 18 Personen fassen, überrollt wird, könnte sicherlich mehr darüber erzählen. Die Fahrt in den gemütlichen Sitzen führt über eine vom Layout nicht sonderlich spektakuläre Strecke, die von der Natur gegebene Höhen und Tiefen ausnutzt und mit über 70 km/h für damaligen Verhältnisse Grundlage für einen wahren High-Speed Coaster war.
In einem Tunnel bekommt man dann durch Nebel und Stroboskop die Macht des Phantoms zu spüren. Sehr mächtig erscheint die zwar nicht, aber die Nacht hat ja auch gerade erst begonnen, also weiter zum Racer, der letzten von John Miller entworfenen Bahn.
Wie der Name schon vermuten lässt, handelt es sich um einen Racing Coaster, allerdings um einen besonderer Art, denn verlässt man die Station auf der linken Seite, so fährt man nach Zurücklegen der 690 Meter langen Strecke auf der Rechten wieder ein.
Es handelt sich also um einen der weltweit nur dreimal existierenden Möbius Racer (p+r #31, Seite 23). Die Fahrt mit dem 1927 erbauten Holzkoloss ist eine wahre Freude, der Racingeffekt kommt sehr gut zur Geltung und die komfortablen Sitze machen das Erlebnis perfekt.

Nach diesen Schmuckstücken begebe ich mich nun auf die Suche nach dem Thrill der anderen Art. Drei Mazes gibt es zu entdecken, dass mir dies nicht gelingen wird, erkenne ich spätestens nachdem ich die Warteschlange für das erste, "Terror Visions in 3D", gesehen habe. Obwohl eine Dreiviertelstunde Anstehen nicht zuviel ist, reichen die Öffnungszeiten von 18 bis 24 Uhr nicht aus, wenn man alle Hauptattraktionen sowie sämtliche Halloweenspecials erleben will.

Die Schlange vor dem ersten Haunted House hinter mich gebracht, nehme ich meine 3D Brille entgegen, lausche den schroffen Sicherheitsanweisungen des Angestellten und begebe mich ins Labyrinth aus Schwarzlicht, Neonfarben und Nebel. In "Terror Visions" erlebt jeder, den eine Phobie vor Clowns plagt eine wahre Hetzjagd, denn kostümierte Erschrecker warten hinter jeder Ecke, mal als ganz normaler Witzbold, mal als blutrünstiges Monster mit weißer Schminke und roter Nase.
Dazu gibt es ein Gemisch aus fröhlicher Jahrmarktsmusik, bedrohlichen Klängen und schaurig wirkendem Kinderlachen sowie wild-bunten Wänden, deren Konfetti und Luftschlangenwirrungen durch die Brillen in die dritte Dimension und damit mir entgegen zu springen scheinen. Entgegen springt mir jetzt auch ein Clown, der mich allerdings nicht erschrecken, sondern sich nur nach dem Namen des Mädchens vor mir erkundigen will. Für mich war dadurch die schaurige Atmosphäre zwar etwas gestört, andererseits ist es sicherlich keine schlechte Idee, durch solche und ähnliche Aktionen manchem Besucher einen besonderen Schrecken einzujagen, denn wer würde nicht zusammenzucken, wenn der Typ mit dem Messer plötzlich deinen Namen wispert?. Da sich das Maze allerdings auf die bunten 3D Effekte und die Clowns beschränkte, waren die Schockmomente schnell vorüber und insgesamt meine ich, dass man mehr aus dem Raum hätte machen können

Nun auf den Geschmack gekommen, machte ich mich auf die Suche nach mehr Horror, wurde allerdings außerhalb der Mazes nur wenig fündig. Zwar gibt es hier und da Entertainer auf den Wegen, die sich von hinten an Besucher ranschleichen und sich dann plötzlich hinter ihnen bemerkbar machen, aber da das Berühren in Amerika strikt verboten ist und einige der Figuren auch nur zur Unterhaltung und nicht zum Erschrecken ausgelegt waren, blieb das große Gruseln meistens auf der Strecke. Bombastische Dekorationen oder die aus anderen Parks bekannte Omnipräsenz von Kürbissen suchte man auch vergebens. Dazu kommt, dass die Kostüme oft zu unspektakulär sind. Eine Monstermaske und eine schwarze Kutte, wie sie die meisten Angestellten trugen, steht in keinem Verhältnis zu den aufwendigen Schminkereien und Kostümen in vielen anderen Parks.

Nett hingegen waren die kleineren Gimmicks, die man ab und zu entdecken konnte, wie die verweste Leiche im Rollstuhl am Wegesrand, oder das Skelett in der Chaise des Autoskooters, das man während der Fahrt wild über die Metallplatten schubsen kann.

Weiter geht meine Entdeckungsreise bei "Thunderbolt", eine der spaßigsten Bahnen, die ich kenne. Nachdem
man in einem der drei Züge, die für 24 Fahrer ausgelegt sind, Platz genommen hat, zieht man den auffallend schweren Lapbar auf sich zu, der recht früh nur einmal einrastet, aufgrund seines Gewichtes aber noch weiter nach unten sinkt. Dies hat den Vorteil, dass er sich bei jedem Hügel mit noch so kleiner Airtime bis zu Einraste-punkt wieder öffnet, sodass sich wirklich ein astreines Schwerelosigkeitsgefühl entfalten kann. Eindrucksvoller als die negativen, sind jedoch die seitlichen G-Kräfte
der 1969 gebauten Spassschleuder, die jeden Mitfahrer ungebremst in die Seite des Nebenmannes pressen. Übrigens: Der Lifthill nimmt alleine ein Drittel der ganzen Strecke ein, was dem Fahrspass aber keinen Abbruch tut.

Unmittelbar hinter dem aus dem Bodennebel heraus-ragendem Thunderbolt befindet sich ein weiteres Highlight des Parks: "The Phantom's Revenge". Die Bahn wurde 1991 als "Steel Phantom" von Arrow gebaut, zeigte aber, wie leider einige Bahnen dieser Achterbahn-schmiede, nach einigen Jahren starke Ermüdungser-scheinungen. Außerdem wollte man den zum Jahr-tausendwechsel überall auftauchenden Rekordbahnen Konkurrenz bieten.
Weil dazu allerdings kein Platz war, entschied man sich zunächst, das "Steel Phantom" abzureißen und eine neue Bahn an dessen Stelle zu bauen. Da die Bahn allerdings äußerst beliebt war und man zudem, zumindest der Legende nach, die Rache des Phantoms fürchtete, beauftragte der Park Harry Henninger Jr. sowie D.H. Morgan mit dem Umbau des Stahlgiganten, wobei sich Kennywood wie bei allen Achterbahnen stets selbst am Bau beteiligte.

Herausgekommen ist bei dem Unterfangen eine Bahn, die einiges zu bieten hat. Eine Strecke von 975 Metern, eine Höchstgeschwindigkeit von über 130 km/h nach einen Drop von knapp 65 Metern Höhe, der skurriler Weise nicht wie üblich der erste, sondern aufgrund der topografischen Gegebenheiten der zweite Sturz ist.
Leider muss ich auch hier feststellen, dass die der Jahreszeit entsprechenden Dekoration kaum vorhanden ist. Weder die Warteschlange, noch die Station hat irgendetwas gruseliges zu bieten und während der Fahrt gibt es als einzigen Effekt eine nebelgefüllte Höhle, die von grünen Lichtspielereien beleuchtet wird.

Die Fahrt selber ist dagegen sehr adrenalinfördernd. Zunächst fällt die interessante Bügelvariante auf. Neben einem Zweipunktgurt werden von den Seiten der Chaisen zwei Schranken gleichenden Schoßbügel vor den Bauch geklappt. Schulterbügel wurden nach dem Umbau des Coasters entfernt, da sich im Gegensatz zur alten Bahn nun keine Inversionen mehr auf dem Track befinden.

Nach dem ersten Sturz, der eine Rechtsdrehung be-inhaltet und einer kurzen Geraden steuert der Zug nach einer weiteren Rechtskurve über einen Hügel auf den zweiten, hohen Drop zu, der in ein natürliches Tal führt. Nachdem man mit Höchstgeschwindigkeit durch einen nach links liegenden Looping, dann durch einen Tunnel und einigen rechts-links Kombinationen sowie nicht wenigen Bunny Hops gefahren ist, gelangt man zurück zur Station.

Nach zwei durch die unerwarteten Elemente nicht ganz schmerzfreien Fahrten, begebe ich mich zu-nächst in Richtung Ausgang, wo noch der über 100 Jahre alte Darkride "The Old Mill" auf mich wartete. Diese Fahrt ist noch heute gerade bei jungen Pärchen beliebt und vermittelt wirklich eine historisch-
romantische Stimmung.
Die Boote mit maximal 6 Passagieren fahren durch einen dunklen Kanal, der aus Holzträgern gezimmert ist und an dessen Seiten sich Szenen aus diversen Westernsitu-ationen zu kultiger Countrymusic abspielen. Die Thema-tisierung der alten Mühle hat oft gewechselt und zu Hallo-ween haben die Skelette Einzug in den Wilden Westen er-halten und tummeln sich in Saloon, Gefängnis und Bank der kleinen Westernstadt.
Eine stimmungsvolle Fahrt, die in Anbetracht ihres Alters wirklich hervorragend ist.
    

Nach dieser letzten Fahrt bleibt mir noch Zeit für ein zweites Maze, "Creepers Crypt". Dieses Haunted House führt auf seinem Weg durch alte Gemäuer, in denen Erschrecker lauern, die diesmal wirklich schaurig aussahen und teilweise den Eindruck vermittelten, auch ohne ihre Verkleidung zu einem Schönheitswettbewerb erst gar nicht qualifiziert zu werden. Schauriger ist auch hier die Ausstattung
mit halben Leichen, die von der Decke hängen oder leicht verwesten Körpern, die an der Seite des Weges aufgespießt sind. Insgesamt ist dieses Geisterhaus meiner Meinung nach einfach gruseliger und einfallsreicher als Terror Visions, wobei dieses natürlich mit dem 3D-Effekt auftrumpfen kann.

Alles in allem war es ein sehr schöner Abend in Kennywood, allerdings war es das, was mich letztendlich gestört hat: Ich hätte mich mehr über einen richtig schaurigen Abend gefreut. Kindern unter 13 Jahren wird offiziell von einem Besuch der Phantom Fright Nights abgeraten. In Anbetracht dessen und im Vergleich zu anderen (amerikanischen) Parks hatte ich persönlich mehr vom Park erwartet. Da der Park seit Ende September geschlossen hat und im Oktober nur an den Wochenenden abends öffnet, hätte man auch zeitlich keine Probleme gehabt, mehr auf die Beine zu stellen. Insgesamt bleibt das Gefühl, dass der Park den Spagat zwischen freundlicher, entspannter Atmosphäre und grausamen Halloweenschocker nicht ganz gepackt hat, allerdings muss man an dieser Stelle auch den geringen Eintrittspreis von 18 Dollar erwähnen. Während der Fright Nights haben diverse Fahrgeschäfte geöffnet, darunter alle Hauptattraktionen bis auf die Indoor-Reverchon Maus "The Exterminator". Außerdem blieb leider der traditionsreichste Bereich "Lost Kennywood" geschlossen. Zu Halloween gibt es drei Mazes sowie eine Scare Zone.

Interessante Informationen zu Kennywood und seiner Geschichte gibt es auf der offiziellen Seite unter http://www.kennywood.com
sowie unter den Seiten zum Halloweenfest:
http://www.phantomfrightnights.com
und zu Phantoms Revenge:
http//www.phantomsrevenge.com

(Text und Fotos: Felix Keldenich)