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Nachdem wir in der letzten p+r schon den
ersten Aufbaubericht über Volare hatten,
will ich Euch heute schildern, wie es
seitdem weitergegangen ist. Etwa 5 Wochen
dauerte der Stahlaufbau, dann wurde mit
der Installation von Elektrik, Hydraulik
und Druckluft begonnen, Ende November
wurden dann die Züge geliefert. Zwar waren
zu diesem Zeitpunkt noch die Elektriker
und Elektroniker von Zamperla eifrig beschäftigt,
die Kabel zu verlegen, doch mussten auch
an den Wagen die letzten Endjustagen durchgeführt
werden. Insbesondere die Mechanik der
Hebe- und Senkvorrichtung für das Ein-
und Aussteigen der Fahrgäste bedurfte
einer genauen Einstellung. Wenige Tage
später wurde ein Dummy-Zug von Hand aus
über die Schienen gezogen um die Vielzahl
von Sensoren elektronisch zu überprüfen
und mechanisch zu justieren. Die Testfahrten
begannen am Spirallift: Dazu ließen die
Zamperla Techniker einen Zug mehrmals
den Lift hinauf und wieder rückwärts hinunterfahren
um die Steuerung des Hydraulikantriebs
zu kontrollieren. Der Antrieb besitzt
einen Haupt- und einen Hilfsmotor, der
im Störungsfall die Wagen wieder langsam
hinunterfahren lässt.
Am 6. Dezember war es dann endlich soweit,
die ersten Testfahrten begannen. Diese
wurden mit einem mit Gewichten beladenen
Wagen durchgeführt, um das Gesamtgewicht
der Fahrgäste zu simulieren. Während der
Testfahrten wurde besonders die Funktion
der Software und der Sensoren geprüft.
Für die elektronische Steuerung ist ein
Prozessor zuständig, der für den Einsatz
von Personentransportsystemen genormt
ist.
Am 11. und 12. Dezember kam dann der TÜV
aus Essen. Die Techniker überprüften schon
Wochen vorher Volare, indem sie stichprobenartig
die Fertigung bei Stakotra in der Slowakei
(Stahlbau) und bei Zamperla in Italien
(Wagen) überwachten. Beide Firmen haben
bezüglich ihrer Produktion einen geprüften
Qualitätsstandard, wodurch der TÜV nur
mehr sporadische Kontrollen durchführen
muss. Bei Firmen ohne genormtes Qualitätszertifikat
muss unter Umständen die gesamte Fabrikation
vom TÜV überwacht werden. Auch musste
der TÜV im Vorfeld die gesamte Anlage
Volare im Rechner simulieren, wozu er
von Zamperla alle technischen Daten bekam.
Um eventuell nicht den gleichen Fehler
bei der Berechnung zu begehen, simuliert
der TÜV Volare mittels eines eigenen Rechenmodells.
Die errechneten Werte werden dann mit
den Ergebnissen von Zamperla verglichen.
Liegen die Abweichungen beider Modelle
innerhalb der Toleranz, ist dieser Abschnitt
der Überprüfung erledigt. Nachdem alle
diese Vorarbeiten erledigt sind, und der
Coaster seine ersten Testfahrten erfolgreich
absolviert hat, kommt der TÜV zur Baustelle.
Dort werden die errechneten Werte mittels
diverser Messungen in der Praxis nachgeprüft.
Die Bahn wurde an diesen beiden Tagen
im Einzugbetrieb befahren, wobei erst
einmal die grundsätzlichen Funktionen
überprüft wurden. Auch nahm man die ersten
Messungen von den g-Kräften und der Geschwindigkeit.
Ein sehr wichtiger Punkt bei Volare sind
die redundanten Systeme: jene Systeme
die zur Sicherheit doppelt ausgelegt sind,
wobei beim Versagen einer Komponente die
zweite noch hundertprozentige Sicherheit
gewährleisten muss. Als redundante Systeme
beim Zug wäre da zum Beispiel die Sicherung
gegen das Kippen des Wagens während der
Fahrt. Einerseits sind hier nicht nur
zwei voneinander unabhängige und nicht
brechbare Sicherheitsbolzen notwendig,
auch die Möglichkeit, dass die Führung,
in die der Bolzen einrastet, bricht, muss
doppelt abgesichert sein. Des weiteren
die Verriegelung am Rücken des Fahrgäste:
Auch hier sind wiederum zwei Bolzen zu
finden und zusätzlich muss die Stabilität
des Bügels so ausgeführt sein, dass er
sich maximal nur geringfügig verbiegen
kann, damit kein Passagier während der
Fahrt herausfallen kann. Aber nicht nur
die Mechanik, auch die Elektronik ist
doppelt ausgeführt: z.B. in Form von zwei
Sensoren, die jeweils das Einrasten der
Sicherungsbügel signalisieren. Ohne dieses
Steuerungssignal, das auf dem Weg zum
Lift auch zweimal abgefragt wird, kann
der Wagen nicht losfahren.
6. Januar 2004, morgen sollen Lärmmessungen
durchgeführt werden. Jedoch liegt im Prater
bei minus 10 Grad fast ein halber Meter
Schnee, keine günstigen Bedingungen für
Probefahrten. Mit Verspätung werden die
Lärmmessungen dann am 23. 1. durchgeführt,
die von einem Magistratsbeamten geleitet
werden. Einige Meter neben der Achterbahn
werden etwa 80 dB gemessen, direkt an
der Blockbremse bis zu 100 dB. Als Vergleich:
etwa 60 dB entstehen bei einem angeregten
Gespräch mit vier Personen und etwa 80
dB werden als durchschnittlicher Verkehrslärm
gemessen. Obwohl die Bahn relativ leise
fährt, muss eine Lärmschutzwand im Bereich
der letzten Blockbremse errichtet werden,
sind es von der Blockbremse bis zu den
Anrainern nur etwa 75 m. Eine andere allgemein
gebräuchliche Methode um den Lärm zu reduzieren:
die Schienen mit Sand füllen, diese sind
hohl und somit ein großer Resonanzkörper.
Bei der Methode wird ein Loch in die Schienen
gebohrt, der Sand eingefüllt und zum Schluss
wird das Loch wieder zugeschweißt. Allerdings
muss die Statik neu berechnet werden,
ob die Stützen das zusätzliche Gewicht
tragen können.
Am 19. Februar wurden dann die restlichen
4 Wagen, von denen jeder 1,6 Tonnen wiegt,
auf die Schienen gehoben, wozu wieder
ein Teil des Daches von der Station entfernt
werden muss. Die Gondeln werden mechanisch
justiert und die Akkumulatoren für die
elektronische Steuerung in jedem Wagen
werden aufgeladen. In den folgenden Tagen
wird der Unterbau der Achterbahn mit einer
gelben Plastikplane abgedeckt, die Kasse
in ihre endgültige Lage gebracht, sowie
ein zweiter Schriftzug über der Kassa
montiert, auch eine Musikanlage darf nicht
fehlen.
3. März - der TÜV aus Essen ist wieder
eingetroffen und wird in den nächsten
dreieinhalb Tagen die Bahn testen. Herr
Dipl. Ing. Martin Weniger, Leiter Freizeitanlagen
und Fliegende Bauten und seine Kollegin,
Frau Dr. Ing. Judith Skolnik sind im Auftrag
der Firma Zamperla dabei, den Coaster
genau unter die Lupe zu nehmen und die
letzten Überprüfungen durchzuführen. Auch
Beamte von der MA 35 (Baubehördliche Angelegenheiten)
sind kurz anwesend, die dann auf Grund
des Gutachtens vom TÜV die Bewilligung
zur Betreibung der Bahn erteilen. Der
TÜV beginnt mit einem Mehrzug-Test, wobei
die Fahrzeiten der einzelnen Wagen gemessen
werden. Es werden dabei leere, mit Gewichten
halb beladene und auch voll beladene Wagen
eingesetzt. Dann werden die Flansche überprüft,
ob die richtigen Typen, mit oder ohne
Verstärkerstege, laut Plan auch tatsächlich
montiert worden sind. Die Techniker vom
TÜV besteigen nacheinander jede Blockbremse
und messen die Abstände der Bremsbacken.
Worauf nacheinander alle sechs Züge bei
den einzelnen Blockbremse zum Stillstand
gebracht werden um den Bremsweg zu vermessen.
Bei einer Bremse wird mit Hilfe eines
Wasserschlauchs Regenwetter simuliert.
Auch die Elektrik wird ein weiteres Mal
kontrolliert. An einigen Punkten wird
nachgemessen und der Fehlerstromschutz
wird gestestet. Dann wird auf den Wagen
nacheinander ein Sensor an mehreren Stellen
montiert, der abwechselnd Geschwindigkeit,
Fahrzeit und die g-Kräfte misst. Bei sechs
Wagen sind die meisten Tests sehr zeitintensiv.
Von Zeit zu Zeit wird ein Laptop an dem
mit einem Sensor versehenen Wagen angeschlossen
und die Messwerte werden heruntergeladen.
Am Lift wird ein Stromausfall simuliert,
worauf der Hilfsdiesel gestartet wird,
der dann den am Lift festhängenden Wagen
entweder hinauf- oder hinunterfahren lässt.
Der Lift selbst besitzt eine Geschwindigkeitskontrolle.
Jede Blockbremse besteht aus einer oder
mehreren Sicherheits- und gegebenenfalls
einer oder mehreren Trimmbremsen. Im Notfall
bringen die Sicherheitsbremsen den Wagen
zum Stillstand. Die Trimm- oder Verzögerungsbremsen
haben die Aufgabe, die Geschwindigkeit
des Wagens im Bedarfsfall zu reduzieren.
Dazu misst die Steuerung bei jeder Fahrt
und bei jedem Wagen die Geschwindigkeit
und entscheidet ob die Bremsen aktiviert
werden. Es werden Tests mit und ohne Trimmbremsen
durchgeführt, sowie ein kompletter Stromausfall
inszeniert, bei dem alle Wagen im jeweiligen
Blockabschnitt gestoppt werden. Danach
werden die Wagen wieder einzeln, von unten
beginnend, aus den Blockbremsen entlassen.
Im Bahnhof werden bei jedem einzelnen
Wagen teilweise die Verkleidungen entfernt,
damit das mechanische und elektrische
Verriegelungssystem der Bügel überprüft
werden kann. Möglicherweise hat sich schon
der eine oder andere überlegt, wie die
Körpergröße, nach der ein Fahrgast mitfahren
kann, festgelegt wird. In diesem Fall
war das relativ einfach: Vorbeikommende
Kinder wurden gefragt, ob sie sich einmal
in einen Wagen hineinlegen wollen. Im
Wagen mussten sie dann versuchen, bei
geschlossenem Bügel sich zu befreien,
was ab einer gewissen Körpergröße nicht
mehr möglich war. Auch im Extremfall in
Panik darf sich ein Kind natürlich auf
keinen Fall befreien können. Nacheinander
werden dann verschiedene Sensoren an den
Wagen abgeklemmt, um zu testen, ob das
Signal "Bügel nicht geschlossen", auch
wirklich keinen Wagen abfahren lässt.
Auf, respektive unter den Schienen sind
insgesamt über 100 Sensoren montiert,
etwa 70 allein im Bahnhofsbereich, damit
die Wagen nicht kollidieren. Es kann sich
wohl jeder vorstellen, dass diese Überprüfung
sehr zeitintensiv ist. Sollten einmal
im Bahnhofsbereich alle Sicherheitssysteme
ausfallen, und die Wagen aufeinander fahren,
hält ein Arm mit einem Gummipuffer die
Wagen soweit auf Distanz, dass keine Fahrgäste
verletzt werden können (im Bahnhofsbereich
ist maximal Kriechgeschwindigkeit möglich).
Befinden sich die Wagen im gekipptem Zustand
(zum Be- oder Entladen), hält der Pumper
die Wagen soweit auf Distanz, dass niemand
zwischen den Wagen eingeklemmt werden
kann. Grundsätzlich wird der Ist-Zustand
eines Wagens von zentralen Steuerungseinheit
mehrmals abgefragt, bevor er auf den Lift
darf. Auch die Drucksteuerung für die
Bremsen wird kontrolliert. Die Bremssysteme
sind so ausgelegt, dass unter Druck die
Bremsbacken offen sind, und bei Ausfall
von Strom und - oder Druckluft die Bremsbacken
automatisch geschlossen werden, wodurch
der Zug gestoppt wird. Dann wird die Weiche
getestet, vor allem die mechanische Verriegelung
der Schienen. Die Berechnung der Statik
muss bis ins kleinste Detail stimmen.
Daher werden auch so scheinbar unwichtige
Teile wie Beilagscheiben einer Werkstoffprüfung
unterzogen. Dazu verwendet der TÜV ein
Messinstrument, bei dem eine Kugel mit
einem gewissen Druck in das zu messende
Material hineindrückt. Die Eindrucktiefe
gibt Aufschluss über die Härte des Materials.
Die dreieinhalb Tage waren teilweise sehr
interessant, teilweise aber auch geprägt
von langen, sich immer wieder wiederholenden
Testphasen. Ich denke es gibt nichts,
was der TÜV nicht simuliert hat. Alle
nur erdenklichen Pannen und Störungsfälle
sind durchgespielt worden, wobei die Prüfer
sehr gewissenhaft vorgegangen ist. Ich
für meinen Teil werde in Zukunft jedenfalls
noch ruhiger in vom TÜV geprüfte Bahnen
einsteigen: Eine Genehmigung wird immer
nur für ein Jahr ausgestellt, danach wird
die Anlage nachgeprüft. Nachdem alle technischen
und behördlichen Auflagen erfüllt wurden,
konnte der Betrieb von Volare am Samstag
den 13. März in Form eines Soft Openings
beginnen. Soft Opening bedeutet, in vorher
nicht angekündigten Zeitintervallen wird
die Achterbahn geöffnet, damit sich der
Eigentümer schon vor der offiziellen Eröffnung
ein Bild machen kann, wie die Bahn beim
Publikum ankommt. Außerdem können noch
eventuell auftretende Kinderkrankheiten
beseitigt werden, damit dann im regulären
Betrieb alles tadellos funktioniert. Und
den Wienern gefällt der Coaster. Manche
staunen, aber viele wagen einen Flug.
Grundsätzlich ist es eine Familien-Achterbahn,
die ein einmaliges Flugerlebnis, Spaß
und auch eine kleine Portion Thrill bietet.
Viele Fahrgäste sind jedenfalls so begeistert
dass sie gleich einen weiteren Flug mit
Volare wagen.
Es war sehr interessant, diese Inspektion
vom TÜV aus Essen beobachten zu können.
Herzlichen Dank an Herrn Helmut Schreiber,
der es mir ermöglichte diesen Bericht
zu verfassen. Ebenso danke ich Herrn Dipl.
Ing. Martin Weniger und Frau Dr. Ing.
Judith Skolnik, die alle meine Fragen
bereitwillig beantworteten.
Text:
Wolfgang Payer
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