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Warten ist nicht
gerade eine der Lieblingsbeschäftigungen
von Menschen. Ganz besonders scheint dies
für uns Deutsche zu gelten. Wir stellen
uns nur dann in eine Schlange, wenn dies
unbedingt notwendig ist - und wenn wir
keine neue Schlange aufmachen können natürlich.
Da wundert es einen doch ziemlich, dass
es bislang in keinem deutschen Freizeitpark
das Konzept des virtuellen Wartens gibt.
Zu erklären wäre es vielleicht mit den
Tücken des Systems. Beleuchten wir Fast
Pass, Lo-Q, Express Pass und wie sie alle
heißen, mal genauer.
Die Grundidee des virtuellen Wartens ist
nahe liegend: Wenn sich eh alle Besucher,
die eine Fahrattraktion nutzen möchten,
der Reihe nach in eine Schlange stellen,
dann lässt sich jedem ein Zettel mit einer
Nummer in die Hand drücken. Anstatt tatsächlich
zu warten, können die Besucher in der
Zeit etwas anderes machen und kommen einfach
wieder zum Einstieg, wenn ihre Nummer
an die Reihe ist. Doch leider funktioniert
das so nicht, außerdem würde es zu sehr
an das Prozedere auf verschiedenen Ämtern
erinnern, die absolut nicht mit Freizeit
assoziiert werden.
Die Begründungen, dass sich das Prozedere
nicht zum Erfolg führen lässt, sind vielfältig:
Erstmal würde es ein ziemliches Chaos
geben, immer die Personen mit den richtigen
Nummern rauszufischen. Weiterhin ist davon
auszugehen, dass sich nicht alle Besucher
zum entsprechenden Zeitpunkt wieder angefunden
haben. Und dann bleibt noch die Frage,
was passiert, wenn die Technik der Attraktion
mal versagt, oder die Kapazität einfach
nicht ausgenutzt wird, weil Gruppen zusammen
bleiben wollen. Aber machen wir uns darum
keine Sorgen, sondern betrachten lieber
das den Gegebenheiten angepasste System,
welches so auch tatsächlich in einigen
Parks eingesetzt wird.
Die Modifikation besteht aus zwei Teilen:
Zum einen wird eine "Stand-by"-Warteschlange,
wie im klassischen System ausschließlich
vorhanden, beibehalten. Zum anderen werden
auf die Zettel Zeitbereiche (für gewöhnlich
ein Abschnitt von ca. 30 Minuten) gedruckt,
in denen sich die Besucher wieder einfinden
sollen. Sie reihen sich dann einfach,
nachdem am Eingang kontrolliert wurde,
ob der entsprechende Zeitrahmen eingehalten
wurde, in eine zweite Warteschlange ein.
Diese sollte in der Regel sehr kurz sein,
da sie zum einen der klassischen vorgezogen
abgearbeitet wird und zum anderen nur
eine begrenzte Anzahl an Personen überhaupt
berechtigt ist, diese zu betreten. Damit
sind die Ursprungsprobleme einigermaßen
behoben. Es muss niemand mehr sortiert
werden (abgesehen von der Kontrolle am
Eingang) und das System ist einigermaßen
flexibel für den Fall, dass die Kapazität
gestört wird (z.B. durch eine Gruppe Behinderter
oder den kurzzeitigen Ausfall der Attraktion).
Und läuft alles nach Plan, wird einfach
die Stand-by-Warteschlange schneller abgebaut.
Die sollte man den Besuchern auch schon
allein aus Gewohnheitsgründen nicht wegnehmen.
Gehen wir der Frage auf den Grund, was
für Probleme durch die Einführung des
Fastpass entstehen können und an welchen
Parametern man rumschrauben kann, damit
die Geschichte praktikabel wird. Zuerst
einmal sei festgestellt, dass Fastpässe
(Ich nutze stellvertretend für das ganze
Genre durchgehend den Namen des Disneysystems,
da der am geläufigsten ist.) nur dann
Sinn machen, wenn die Warteschlangen an
den supporteten Attraktionen eine gewisse
Mindestlänge überschritten haben. Zudem
neige ich zu der Behauptung, dass das
System auch dann keinen Sinn mehr macht,
wenn ein Park völlig überlaufen ist, es
also an allen Attraktionen wirklich lange
Schlangen gibt. Schließlich müssen sich
die Besucher irgendwie im Park verteilen,
zudem ergibt sich das Problem, dass Fastpass-Tickets
sehr schnell vergriffen sein dürften bzw.
im abgeschwächten Fall nur welche für
einen weit entfernten Zeitraum erhältlich
sind. Die Perspektive, nicht bzw. nur
wenig warten zu müssen, generiert ein
erhöhtes Bedürfnis, Attraktionen zu nutzen.
Dadurch verlängern sich die Warteschlangen
noch mal extra, auch wenn natürlich ein
kleiner Anteil der Fastpässe ungenutzt
bleibt. Sei es, weil jemand ganz vergessen
hat, dass es den Service überhaupt gibt,
oder weil er meint, sich nach Ablauf des
gegebenen Zeitintervalls nicht mehr mit
ihm anstellen zu können. Für gewöhnlich
macht es jedoch keine Probleme, wenn jemand
mal zu spät kommt, mit guter Begründung:
Zum einen fehlt man selbst in der Schlange
vor einem, verlängert also nicht die Wartezeit,
zum anderen erfreut es die Besucher, wenn
für sie eine Ausnahme gemacht wird.
Eine der ursprünglichen Intentionen bei
der Einführung des Fastpasses war, den
Besuchen mehr Zeit zum Konsumieren zu
geben. Dies funktioniert natürlich nur
stark begrenzt, schließlich lässt sich
die gewonnene Zeit auch dafür nutzen,
weitere Teile des Parks zu erkunden und
zum Beispiel Attraktionen mit geringen
Warteschlangen einzuschieben, die man
sonst am Wegesrand liegen gelassen hätte.
Deren Warteschlangen werden nun natürlich
länger. Und die Stand-by-Warteschlange
bei den Fastpass-Attraktionen bewegt sich
weit langsamer als sie es beim traditionellen
System machen würde. Wie nervtötend diese
Warterei letztendlich wird, lässt sich
durch den Prozentsatz der für Fastpassnutzer
bereitstehenden Kapazität bezogen auf
die Gesamtkapazität der Attraktion in
gewissen Grenzen regeln. Zudem dürfte
sich die Lage entspannen, wenn Fastpässe
nicht nur für sehr vereinzelte Attraktionen
existent sind. Andererseits lohnt sich
deren Einführung natürlich auch nur bei
den Hauptattraktionen, schließlich gibt
es sonst zu viele Tage in der Saison,
an denen das System ungenutzt bleiben,
sich die Investition also nicht lohnen
würde. Interessant ist auch die Frage,
welche Effekte sich je nach Anordnung
der Fastpass-Attraktionen im Park ergeben.
Steht eine solche zum Beispiel neben einem
Darkride mit hoher Kapazität, so dürfte
dieser einen deutlichen Besucherzuwachs
verzeichnen. Die Besucherströme werden
sich auf alle Fälle ändern und in gewisser
Weise lassen sie sich auch steuern.
Eine weitere Steuerungsmöglichkeit ergibt
sich durch die Möglichkeit, verschiedene
Fastpass-Attraktionen in der Weise zusammen
zu fassen, sodass jeweils nur ein Fastpass
für die ganze Attraktionengruppe zurzeit
erhältlich ist. Damit lässt sich vorwiegend
auf die Gesamtbesucherzahl des Parks am
jeweiligen Tag reagieren, aber auch erreichen,
dass ein Parkteil nicht komplett überlaufen
ist während ein anderer wenig beachtet
wird. In den Disneyparks ist dies bereits
zur Anwendung gekommen, auch wenn das
System ursprünglich nicht darauf ausgelegt
war. Dies lässt sich daran erkennen, dass
manche Attraktionen völlig autark arbeiten
und auch sonst nur kleine Netzwerke zwischen
einzelnen Attraktionen bestehen. Zurück
zu führen ist dies einfach darauf, dass
anfangs nur für wenige Fahrgeschäfte überhaupt
Fastpässe offeriert wurden und das Angebot
sukzessive ausgebaut wurde. Dadurch sind
natürlich all jene im Vorteil, die sich
mit den Gegebenheiten auskennen. Vor allem
aber diejenigen, denen aufgefallen ist,
dass man nicht nur mit der gültigen Eintrittskarte
Fastpässe aus dem Automaten ziehen kann.
Die Automaten sind fast alle zusätzlich
mit alten Eintrittskarten und teilweise
sogar beliebigen Strichcodes nutzbar.
In Chessington World of Adventures traf
ich jedoch einmal auf einen fast zu gut
funktionierenden Automaten. Der wollte
mir noch nicht mal nach Einstecken meiner
Heide-Park-Jahreskarte, die bekanntlich
seit 2003 auch in den drei großen Tussaudsparks
gültig ist, einen Fastpass ausspucken.
In Deutschland ist das virtuelle Warten
fast gänzlich unbekannt. Einzig der Europapark
hatte mal im Eigenversuch getestet, ob
das System einführbar ist. Der Versuch
dauerte nicht lang und das Ergebnis ist,
das nun wieder ganz normal gewartet wird.
Doch der Schluss, dass es in Deutschland
unpraktikabel ist, ist aus den Erfahrungen
wohl nicht zu ziehen. Die Begründung,
die zur Abschaffung führte, war die Unzufriedenheit
der Gäste, die keine Fastpässe nutzten.
Es gab einfach zu viele Beschwerden bzgl.
der "Vordrängler". Das vermutlich zu behebende
Problem war jedoch, dass die Besucher
einfach nicht genügend aufgeklärt worden
waren, dass es Fastpässe gibt und wie
sie funktionieren. Zudem waren die Fastpass-Ausgabe-Einrichtungen
nicht deutlich genug erkennbar.
Auf einen Nachteil des Fast-Pass-Systems
bin ich noch gar nicht eingegangen: Die
Installation und das Betreiben kostet
zusätzlich Geld. Man könnte nun damit
argumentieren, dass dies Service und eine
Investition darin ist, dass der Gast sich
wohl fühlt und er eine gute Zeit hat (so
das System denn gut funktioniert). Davon
profitiert die Mund-zu-Mund-Propaganda
und er ist sicher auch leichter zu einem
Wiederholungsbesuch zu überreden. Es gab
jedoch schon Parks, die auf die Idee kamen,
den Besuchern solche Nettigkeiten wie
verkürzte Wartezeiten für einen Aufpreis
zu verkaufen. Die größte Erfahrung damit
dürfte die Six Flags Gruppe haben, die
in den USA gleich mehrere verschiedene
Systeme einführte.
Vollkommen simpel arbeitet Fastlane: Die
Besucher kaufen sich an einem Schalter,
an dem sie sich ironischerweise anstellen
müssen, eine vorgegebene Anzahl Tickets
zum Festpreis. Diese geben ihnen die Möglichkeit,
bei ausgewählten Attraktionen eine Priority-Queue
zu betreten, die im Normalfall sehr kurz
ist und bevorzugt abgearbeitet wird (daher
der Name). Eingeführt hatte man Fastlane
unter anderem in Six Flags Magic Mountain
während der Zeit, in der X nur mit großen
Schwierigkeiten überhaupt betreibbar war.
Da Deja Vu, die zweite große Neuheit des
Jahres, auch alles andere als kontinuierlich
den Besuchern zur Verfügung stand und
selbst dann noch eine bescheidene Kapazität
aufwies, wuchsen die Warteschlangen bei
X teilweise ins unermessliche. Wollte
man was vom Tag haben und dabei X fahren,
war man quasi gezwungen, sich mit Fastlane-Tickets
einzudecken. Und selbst dann musste man
noch erschreckende Wartezeiten in Kauf
nehmen. Aufgrund der technischen Situation,
X ist ein technisch heikler Prototyp,
ließ sich sicher nicht an der Kapazität
rumschrauben. Derart lange Warteschlangen
waren auch garantiert nicht im Sinne des
Managements. Aber das Gedankenspiel möchte
ich trotzdem treiben: Es wäre denkbar
mit mutwillig reduzierter Kapazität den
Umsatz von Fastlane-Tickets zu fördern
und somit für Mehreinnahmen zu sorgen.
Weit aufwändiger arbeitet das Q-Bot-System,
das einiges an Technik erfordert, allerdings
auch gewissen Komfort bietet: Bis zu sechs
Personen zusammen besorgen sich einen
der naturgemäß begrenzt vorhandenen Q-Bots
an einem Schalter. Dabei wird eine Grundgebühr
für das Gerät fällig und jeder Nutzer
darf noch mal extra was abdrücken. Mit
dem Gerät geht die Gruppe dann zur Attraktion,
die sie nutzen will und am System teilnimmt
und checkt dort an einem Terminal ein.
Bei der ersten Attraktion wird sofort
angegeben, zu welcher Zeit ein Platz für
die Gruppe reserviert ist und sie durch
den Nebeneingang die Attraktion betreten
kann. Bei weiteren ist dies nur der Fall,
wenn man nicht noch aktuell für eine andere
virtuell wartet. Weitere Features des
Q-Bots sind die Erinnerungsfunktion des
Geräts einige Minuten vor Beginn des nächsten
Zeitfensters für das Betreten des Nebeneingangs
und die Möglichkeit, eine Reservierung
zu canceln, wenn der Zeitplan mal durcheinander
kommt.
Virtuelle Warteschlangen bringen sowieso
schon ein Akzeptanzproblem mit sich: Hat
ein Besucher das - zugegeben nicht intuitive
- System nicht verstanden, so regt er
sich gerne voller Überzeugung über die
"Vordrängler" auf, die seine Wartezeit
verlängern. Und selbst wenn man das System
durchschaut hat, aber feststellen musste,
dass wegen erhöhter Nachfrage lange vor
Betriebsschluss keine Fastpässe mehr erhältlich
waren, kann es sehr frustrierend sein,
in der sich langsam bewegenden Reihe eine
Stand-by-Warteschlange vor sich hin zu
warten. Wenn dann noch die Erkenntnis
dazu kommt, dass man darunter leiden muss,
dass anderer Leute Geld an der eigenen
Situation mitschuld ist, ist die positive
Grundstimmung, die eigentlich in jedem
Freizeitpark herrschen sollte, schnell
dahin. Aus eigener Erfahrung weiß ich
zu berichten, dass es mitunter schon reicht,
wenn Pressevertreter eine Bahn mal vor
den Augen der Wartenden durch den Ausgang
betreten, lang andauernde und emotionale
Diskussionen zwischen den betroffenen
(da nun länger wartenden) Besuchern und
den Verantwortlichen hervor zu rufen.
Wie soll das erst aussehen, wenn kontingentierte
Fastpässe ausverkauft sind? Aller Voraussicht
nach ist es dann auf Dauer doch ertragreicher
auf das Zusatzgeschäft zu verzichten und
so alle Besucher gleich zu behandeln.
Ob es darüber Studien gibt, weiß ich allerdings
nicht.
Ein allgemeines Fazit zum Thema Fastpass
fällt schwer. Es ist ein System, das seine
Tücken hat und erfordert, dass sich sowohl
Besucher als auch Parkbetreiber damit
beschäftigen. Zudem macht es nur in besucherstarken
Parks Sinn. In diesen lässt es sich aber
möglicherweise gleich doppelt nutzen,
wie das Beispiel Universal Orlando zeigt.
Hotelgäste des dortigen Resorts werden
beim Fastpass-System bevorzugt behandelt;
ein schönes Verkaufsargument beim Anpreisen
der parkeigenen Hotelzimmer.
Text:
Ralph Latotzki
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