alle Ausgaben auf einen
Blick
ausgewählte Archiv-
Artikel
   
   
   
   
   
   



Silberne Stützen, tiefroter Track und goldene Züge prägen das Bild untermalt von lautem Juchzen der Mitfahrer, und erstaunlich wenig Lärm kommt vom an mir vorbeirasenden Zug. Soviel wurde vorher diskutiert über die bislang kürzeste Loopingbahn von den Zeichenbrettern der Schweizer Edelschmiede Bolliger&Mabillard, jeder hatte sich anhand der zahlreich veröffentlichten Bilder von der Bauphase und dank der Grafiken schon vorher ein Bild und anscheinend auch eine feste Meinung von der Bahn gemacht. Zu kurz sei sie, zu massiv für den beengten Tivoli oder eine wegweisende Anlage. Doch grau ist alle Theorie (ich zahle auch gerne die 5 Euro ins Phrasenschwein), und so war ich mehr als glücklich, dem erst zweiten Floorless Coaster auf europäischem Grund selbst einen Besuch abzustatten und herauszufinden, wer denn nun eigentlich mit seiner Einschätzung richtig lag.

Der erste optische Eindruck ist mehr als gelungen: Die Bahn passt sich perfekt in das Gesamtkunstwerk Tivoli ein und stört weder mit ihrem Aussehen noch der Geräuschentwicklung das harmonische Bild dieses wunderbaren Innenstadtparks. Vielmehr noch ist die Bahn seit meinem letztem Besuch im Winter schlanker geworden: Die damals noch alleine in der Gegen stehende Bremssektion erschien mir fast etwas zu gewaltig, zu massiv. Dies hat sich aber mit der mittlerweile kompletten Anlage mehr als relativiert und macht optisch richtig was her. Würde ich es nicht besser wissen, ich würde glatt behaupten die Anlage hätte schon immer an dieser Stelle gestanden. Der vormals hier beheimatete Zierer Comet Coaster, der trotz seiner ausgewiesenen Eigenschaften als perfekte Familienachterbahn noch keinen Käufer gefunden hat, ist jedenfalls ganz weit weg und zumindest von meiner Seite nur noch schwer zu rekonstruieren. Als sei es Jahre her, dass die Bahn abgebaut wurde.

Unter der Schlussbremse gelegen und mit einem chinesischen Turm als Eingangsportal versehen passieren wir flott die noch etwas provisorisch anmutende Warteschlange. Kuhgatter gibt es keine und nach einem kurzen Weg mit wenig Abstand zu den tiefroten Schienen geht es die noch nicht so recht ins Bild passende Treppe hinauf in den ersten Stock. Auch der Bahnhof lehnt sich mit seiner vorläufigen Beschränkung auf Funktionalität noch etwas gegen den Tivoli Style auf. Einzig von der Decke herabhängende chinesische Lampions versuchen etwas Flair herbeizuzaubern. Doch all dies sind nur Nebensächlichkeiten und Randnotizen auf dem Weg zur ersten Fahrt.
Meine Erwartungshaltung ist gespannt: Park und Hersteller wissen schon, was sie da tun, denk ich mir, aber die Bahn ist doch arg kurz, widerspreche ich mir gleich. Ich erwarte eine Fahrt, die nett ist, mich aber sicher nicht vom Hocker reißt.

Es ist noch früh und so ist die Station sehr verwaist: Erste Fahrt Frontseat, Sitz ganz rechts außen. Lange habe ich darauf gewartet, und umso schneller geht dann alles: Steiler Lift, der Zug nimmt schnell Tempo auf, Helix, Drop. Yeah, sogar ein bisschen Airtime, oder täusche ich mich? Keine Zeit zum Nachdenken, Looping folgt, und der sechsgliedrige Zug rast der Sonne entgegen in den Immelmann. Zero-G-Roll, Helix und Schluss. Was war das? Gleich noch mal langsam, das ging ja alles viel zu schnell.

Der Lift ist in der Tat sehr steil und sehr kurz, durch die hoch gelegene Station konnte man einige Höhenmeter sparen. Wie vorhergesehen (siehe nebenstehender Artikel) hat man ein wunderbares Panorama in Richtung des Kopenhagener Rathausplatzes und über weite Teile des Tivoli. Ab und an winken interessierte Gäste von der Sonnenterasse des benachbarten Kunstmuseums, und auch von den Mitfahrern des Turbo Drop kommen einige interessierte Blicke. Über die Kuppe des Lifthills hinweg realisiert man erst die wunderbare Beinfreiheit und merkt, wie der Zug durch den kleinen Dip und die geneigte 180° Kurve langsam Fahrt aufnimmt. Der Umschwung mit der anschließenden Helix über den Heege Hubseilturm hinweg wird flott durchfahren und ist, wie die gesamte Anlage, mit einer wunderbar entspannten Körperhaltung zu erleben: Keine Nackenstarre in der Befürchtung gleich einen Satz heiße Ohren von den Schulterbügeln mitzubekommen. Auf dem Weg zum großen Drop verliert der Zug etwas an Tempo, was aber noch immer für einen Hauch von Airtime sorgt. Und der von mir befürchtete Höhenfaktor stellt sich keineswegs ein: Während der Fahrt merke ich jedenfalls nicht, dass einige Familienachterbahnen höhere Abfahrten haben. In der ersten Reihe realisiert man den mit einer guten Geschwindigkeit durchfahrenen Looping kaum, zu fixiert ist der Blick auf die den Füßen nahekommende Schiene. Was allerdings nach dem nächsten Tal, was später einmal von einem kleinen Weg überbrückt werden soll, kommt, das ist dann weitaus spektakulärer: Von dem Looping an kommen die diversen Elemente der Bahn mit einer Frequenz und einer Dichte, die ihresgleichen sucht. Man ist gedanklich noch bei dem Element und hat gleichzeitig das nächste schon erlebt, ein purer Höllenritt. Es beginnt mit der Auffahrt in einen der bizarreren Immelmänner der Herren Bolliger & Mabillard. Das Ding steht irgendwie schräg, und man mag nicht glauben, dass der Zug da durchpasst. Aber er tut es und das auf eine Weise, die dem einen oder anderen die Sprache verschlägt. Mit saftig G-Kräften reißt der Zug gerade noch vor dem Weg nach oben, man wird kurzzeitig von der Sonne geblendet und im Bruchteil einer Sekunde ist der Zug wieder gedreht. Die Ausfahrt, die mir bei anderen Herstellern wohl den Angstschweiß auf die Stirn getrieben hätte, ist - wie sollte es anders sein - so dermaßen perfekt, dass man sie gar nicht bemerkt. An dem großen Weg entlang geht es für den, in Anlehnung an seine sehr goldene Farbe liebevoll getauften "Pimpmobile", Wagen in den besten Part: Die Zero-G-Roll beweist einmal mehr warum Schweizer Perfektion so gefragt ist. Butterweich durchfährt der Zug das dritte Überschlagselement und bietet auf jedem Platz maximalen Fahrspaß. Besonders in den Abendstunden, wenn die Anlage sich warmgefahren hat, wird man auf den Außenplätzen wunderbar rumgerissen. Die abschließende Helix über die zahlreichen Zuschauer hinweg und der abschließende Umschwung sind ein würdiger Abschluss. Mag man zumindest denken, doch folgt noch mit einer kleinen Prise Airtime ein Gimmick bei der Einfahrt in die Bremse.

Zu kurz? Auf keinen Fall! Revolutionär? Auch nicht! Die Bahn ist einfach perfekt, sie passt. Die kritisierten Dimensionen fallen jedenfalls nicht auf. Auch wenn es sicher smoothere Bahnen von B&M gibt, Dæmonen ist ein komplett ruckelfreier Spaß: Man kann sich zurücklehnen und die Fahrt genießen, eine anstrengende "Kopf gegen den Headrest pressende Prozedur" fällt weg. Das schaffen nur ganz, ganz wenige mit Schulterbügeln versehende Bahnen anderer Hersteller. Wir konnten jedenfalls nicht genug bekommen, und auch die Tivoli Gäste nehmen die Bahn sehr gut an: neben dem unter Kapazitätsschwächen leidenden Turbo Drop bildeten sich bei Dæmonen die längsten Schlangen, was nicht nur an der noch etwas holprigen Abfertigung der beiden Züge liegen wird.. Nur das Theming macht derzeit trotz einiger guter Ansätze einen noch etwas provisorischen Eindruck, welcher aber wohl noch im Verlauf dieser Saison und spätestens zur nächsten Saison dank einiger sehr schön klingender Ideen verflogen sein wird. Aber das bei einem solchen großartigen Kraftakt zu Saisonbeginn noch nicht alles perfekt ist, konnte auch kaum jemand erwarten. Schließlich wollte eine alte Anlage und diverse Angebote im Umfeld derer abgebaut werden, eine neue Anlage auf mehr als begrenzten Platzverhältnissen (eine angrenzende Straße muss seit Monaten auf eine Spur verzichten) neugebaut werden, und das alles zum Teil im laufenden Betrieb des Parks. Und dafür sieht es bereits so aufgeräumt und hübsch aus, wie es andere Parks in Jahren nicht mit ihren Bahnen geschafft haben.

Übrigens ist die Anlage von Mazda gesponsert: dezente und stilvolle Flaggen mit dem Zoom Zoom Schriftzug und dem Daemonen Logo, ein auf dem Dach eines Imbisses platziertes Auto und das in die Tore integrierte Mazda Logo sind allerdings angenehm zurückhaltend und stören keineswegs.

Ich freue mich jedenfalls sehr im Rahmen der Nord Tour der Bahn einen weiteren Besuch abzustatten, wir sehen uns in Kopenhagen. Und ein großes "tak" für diese schöne Anlage!

Text: Jakob Wahl

zur Artikel-Auswahl
zum Gesamt-Archiv